Werkstattkonzert 2. Set

Fr, 12. Januar 2018 – 21:00

KONTAKTCHEMIE
Im letzten Moment verhinderte „Kontakt 60“, das spezielle, oxidlösende Reinigungsmittel für Kontakte aller Art, den Abbruch dieser wundervollen Session in dem österreichischen Kuhdorf Bezau. Es war im Frühjahr letzten Jahres, als zwei Musiker ein Experiment unternahmen: das Schaffen einer audiophilen Wunderwelt, aus dem Moment heraus.
Christy Doran, ein Gitarrenkünstler, der ohne Zweifel europäische Jazzgeschichte schreibt, saß im März 2015 verdattert vor seinen Effekten. Kein Fieper war zu hören, aus seiner wohl durchdachten Kette an elektrischen Klangerzeugern. Nur das leise Klimpern einer unverstärkten, nackten E-Gitarre ...
Alfred Vogel, Initiator dieser Begegnung, seufzte, hatte er doch mühevoll eine Art „Double Drumset“ aufgebaut: Ein Tenor-Set zur linken und ein Bariton-Set zur rechten Seite, von einem Hocker aus bedienbar. Sollte die gemeinsame Vorfreude auf die geplanten Improvisationen nun ein jähes Ende erfahren?
Gott sei Dank, konnte sich Vogel daran erinnern, unlängst beste Erfahrungen mit einer gewissen Kontaktchemie gemacht zu haben - und diese war griffbereit!
Nun muss man wissen, dass im Bregenzerwald nicht unbedingt an jeder Strassenecke ein Musikgeschäft mit Effektgeräten zu finden ist. Es heisst allerdings, dass dieser Vogel im Stande sei, die Kreativität der Metropolen ohne Qualitätsverluste in die Provinz zu holen. Auf seinem Label BOOMSLANG Records veröffentlicht er Produktionen, die nach und nach bei einer interessierten Hörerschaft auf Gefallen stossen, sein Festival BEZAU BEATZ bringt in der Tat Künstler von New York über London bis nach Berlin in das schöne Alpendorf. Und nun auch den genialen Christy Doran, der schon auf den Festivalbühnen der Welt musizierte, als Vogel noch an seinen Spielzeugrasseln lutschte.
Die Session war ins Blaue gebucht, motiviert von der Begeisterung Vogels über Dorans Gitarrenkünste. Und weil Letzterer kein Geheimnis daraus macht, dass er sich nach wie vor gerne auf neue künstlerische Abenteuer einlässt („... there is still a lot to be discovered, explored and evolved“), trafen die zwei Musiker ohne Netz und doppelten Boden aufeinander.
Das Double-Drumset garantiert eine Percussionsfläche im Cinemascope und vermittelt dem Hörer, der die Augen schliesst, das Gefühl, es seien 2 Percussionisten am Fuhrwerken. Erweitert war diese Spielwiese durch ein Octopad mit elektronischen Sounds, die sich aber auf wundersame Weise mit den akustischen Drumsets als Einheit vermischen. Vogel hat ein Faible für bunte und abstrakte Farben und Beats, die er auf eigentümliche Art und Weise intuitiv und geschmackvoll mischt.
Auf dieser Leinwand entfaltet Christy Doran ein lyrisches Spiel mit einzigartigen Klängen, reichhaltigen Harmonien und seiner berühmt berüchtigten Phrasierung. Düstere Drones treffen auf glockenähnliche Flageoletts, feinmotorische Virtuosität und komplexe Rhythmik - teils vermischen sich die Gitarrenklänge mit den Drums so sehr, dass es unklar wird, wer von den beiden welche Farben produziert.
Was hier an gemeinsamem Output im Moment entstanden ist, klingt im Nachhinein eigentlich sehr nach Struktur. Die beiden Musiker merken schon nach wenigen Minuten, dass dieses Kontaktspray nicht nur die oxidierte Input-Buchse zum Funktionieren brachte.
Doran und Vogel knüpfen eine schlüssige Dramaturgie, verschmelzen zu einer Inspirationsquelle und provozieren grosses Kopfkino. Man kann sich in diese Musik fallen lassen und tief eintauchen. Sie lädt ein zu einem akustischen Trip zur eigenen Seele im Schwebezustand universeller Kreativität. Es liegt wohl an der KONTAKTCHEMIE ...

MusikerInnen
  • Christy Doran – Gitarre
  • Alfred Vogel – Schlagzeug
Fotos
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