BILLIGER BAUER: HYMN FOR A MINDFUL SOCIETY

Do, 6. April 2017 – 20:30

Billiger Bauer ist der regelmässige Arbeitsplatz von neun Musikerinnen in der WIM. Eine Werkstatt, ein Tüftellabor, ein musikalischer Freiraum, der nach Ungewohntem, Ungehörtem geradezu schreit. Seit 18 Jahren finden einmal monatlich Konzerte statt. Die Konzerte sind erstaunlicherweise auch nach so vielen Jahren gut besucht. Hier werden Konzepte für Kompositionen erprobt, ausprobiert, verworfen, neugeschrieben; hier kann man arbeiten ohne irgendeinen Druck. Ein Projekt auf Ewigkeit gebaut! In über 20 Jahren hat Billiger Bauer sich schon weit von den ersten Treffen im April 1996 entfernt. Jazz & Bigbandappeal rücken mehr und mehr in den Hintergrund zugunsten von neuen, bauergenuinen Klängen. Gebaut wird an einer kollektiven Klangpyramide, der Strom der Töne wird von Urtrieben getragen, der Wille zum gemeinsamen Sound ist zentral. Zum Markenzeichen der Band gehören die textlichen Einlagen des Bandleaders, eine Art Spoken Words aus dem Unbewussten! Von Zeit zu Zeit wird ein spezielles Projekt lanciert. So wurde zum 15 jährigen Bestehen die HERBSTLIEDER, eine Suite bestehend aus 15 Liedern. Gast: Isa Wiss, Stimme. Die Uraufführung fand im Oktober 2012 im Theater Neumarkt in Zürich statt. Die CD mit den Herbstliedern erschien im Herbst 2015 auf INTAKT RECORDS.


Der Titel der gegenwärtigen Konzertserie 2016/2017 in der WIM ist: FOR A MINDFUL SOCIETY.

Die Konzerte finden jeweils am ersten Donnerstag des Monats um 20.30 Uhr statt. Ausser im August.

Laudatio von Bert Noglik, gehalten am 19. September 2015 im MILLER'S anlässlich der 20-Jahre-Feier:


Liebe Frau Ellenberger, sehr geehrter Herr Wolff, meine sehr geehrten Damen und Herren!


Billiger Bauer feiert 20-jähriges Jubiläum und gewährt mir die Chance etwas zu seinen Unternehmungen zu sagen. Kein leichtes Unterfangen, denn das Werk – ein work in progress –, von dem wir heute Abend einen gewichtigen Ausschnitt hören werden, das Werk lobt sich selbst. Zu preisen ist dennoch – das Unsichtbare hinter dem theatralen Aufleuchten: die unglaubliche Langzeitenergie und die unendliche Leidenschaft, auf denen all das gründet.


Man hätte es ja für einen Jux halten können, was Omri Ziegele ganz am Anfang den um ihn gescharten Musikerinnen und Musikern zurief: Lasst uns jeden ersten Donnerstag im Monat in der WIM, der Werkstatt für Improvisierte Musik, in Zürich zusammenkommen. Wer damals geglaubt hätte, dass das viele Jahre, ja über zwei Jahrzehnte hinweg halten würde, den hätte man wohl für ähnlich skurril erachtet wie seinerzeit den braven Soldaten Schwejk mit seiner Verabredung für "um sechs nach dem Krieg im Kelch". Doch der Billige Bauer trifft sich noch immer. Der, der da rief, hat – ohne es auszusprechen – von Anbeginn an dieses Kontinuum geglaubt: Omri Ziegele. Er hoffte, das Ganze würde eine Eigendynamik entfalten, würde organisch wachsen und gedeihen – eine Enklave der Phantasie, fern von den Zwängen des Marktes, ja selbst frei vom eigenen, messbaren Erfolg – ein musikalischer Freiraum, der nach Ungewohntem, Ungehörtem geradezu schreit. Dass der initiale Aufruf ernst genommen und eifrig befolgt wurde, beweist zunächst einmal, dass sich die Richtigen gefunden hatten. Und wenn sich das Modell als tragfähig erwies, so wohl nur deshalb, weil es wandelbar geblieben ist und weil es die Partizipation aller voraussetzt und einfordert. Weil es eben nicht einem klassischen Orchester gleicht, das sich dem Diktat eines Taktstockes beugt, auch nicht einer klassischen Jazzband mit einem Bandleader. Das Ziel, für das es sich abzuarbeiten lohnt, hat Omri Ziegele einmal so formuliert: "Jeder trägt Verantwortung für das Ganze und ist in jedem Moment Dramatiker, Dramaturg und Akteur zugleich." An die hundert Musiker haben in den beiden Dezennien beim Billigen Bauern mitgewirkt. Ein Kern ist von Anbeginn bis heute konstant geblieben. Der Billige Bauer als Durchlauferhitzer und als Klanglabor, als Transit und als Heimat.


Vom Jazz ausgehend und durchaus auch über den Jazz hinausdenkend und über ihn hinaus spielend, gab es beim Billigen Bauern stets dieses Wechselspiel von Individuellem und Kollektivem, von Kompositorischem und Improvisatorischem – Triebkräfte, Spannungsfelder, wie sie dem Jazz immanent sind. Das Fixierte und das Fließende, das Vorgeformte und das Aufzubrechende, das Vertraute und das Staunen Erweckende, das Eigene und das über den Einzelnen hinaus Wachsende.

Zentral für die Arbeit und die Entwicklung des Ensembles wurden nicht die stilistischen, nicht einmal in erster Linie die solistischen, sondern die zwischenmenschlichen Qualitäten. Robert Creeley, einer der vom Billigen Bauern besonders geschätzten Poeten, schrieb ein Liebegedicht mit dem Titel "Sad Advice", in dem es heißt: "If it isn't fun, don't do it. / You'll have to do enough that isn't". Im Umkehrschluss: die Band gäbe es schon lange nicht mehr, wären nicht Hingabe, Liebe und Freundschaft im Spiel, Freude am Probieren und Konstruieren, am Verwerfen und neu definieren.

Zwanzig Jahre gemeinsamen Erlebens, gemeinsamen Schaffens – immer in Tuchfühlung mit einem Lauf-, mehr noch mit einem Stammpublikum, einem verschworenen Haufen Gleichgesinnter. Musik wie diese könnte nie im stillen Kämmerlein entstehen, sie bedarf einer Szene, aus der heraus sie wachsen kann. Dazu zählt ein Netzwerk von Aktivitäten, die sich ihre eigene Infrastruktur geschaffen haben. Dazu zählen die Spielstätten, die Festivals, das Intakt-Label. Bezeichnend wie sich der Saxophonist Omri Ziegele selbst versteht: "als Komponist, als Wortverehrer, Sprechgesangsänger, auch als Kulturpolitiker, Akteur / Aktivist, der immer wieder Anläufe nimmt, den Dingen und Zuständen neue Facetten zuzuhalten, die die Gegenwart farbiger und lebendiger machen."


Zwanzig Jahre Billiger Bauer – das kann stolz machen und nachdenklich, euphorisch und melancholisch, trunken und auch ein wenig traurig: So viel schon hin. Zwanzig Jahre Billiger Bauer – das ist in jedem Falle ein glänzender Anlass, das Vergangene im Moment zu feiern. "Soviele Gestern heute. / Du wirst Feste feiern – traurig und jauchzend" heißt es in den 15 Herbstliedern. Das Zelebrieren als Wesensmerkmal des Ästhetischen. Es war John Cage, der einmal auf die Frage, was denn den Unterschied zwischen dem gewöhnlichen Türöffnen und dem Türöffnen als einen Akt der Kunst ausmache, antwortete: "If you open a door and celebrate it, it's art, if you don't it isn't". Die Feier der Zahl, auf der Fahne die "Zwanzig", gleicht dem vergeblichen Versuch, einen Fluss anzuhalten, und erscheint dennoch nicht sinnlos. In einem Gedicht von Ernst Jandl heißt es: "Diesen tag/ begehen / wie einen grund / oder wie ein fest / ohne grund zu einem fest / ohne festen grund". Zwanzig Jahre Billiger Bauer, im Grunde wäre jeder erste Donnerstag im Monat, jeder Tag wäre Anlass für ein Fest. Jubiläen begehend, zergeht uns auf der Zunge die Oblate der Vergänglichkeit, schmecken wir etwas vom Verlauf der Zeit. Manchmal die Ahnung schwer: So viel schon hin.


Mit den "15 Herbstliedern", dem bisherigen Opus magnum des Ensembles, wird dieses einem seiner Prinzipien untreu, einer Maxime, die da lautet, die Improvisation habe im Mittelpunkt zu stehen. Doch die Improvisation ist nicht verschwunden, sie hat sich verlagert und verdichtet, sie leuchtet in den Mikrostrukturen, sie durchzieht das Konstrukt als Atem der Erfahrung. Niemals würde der Billige Bauer so eigen klingen wie heute, hätte er nicht diese zwanzig Jahre gemeinsamer Spielpraxis akkumuliert. Die Musik erwächst – um einen anderen Zyklus des Ensembles zu assoziieren – aus der Stille hinter dem Schrei, auch aus dem nicht Gespielten, dem nicht Gesagten, dem Unausgesprochenen. Wenn uns dieses im Innersten trifft, wissen wir nicht, was mit uns geschieht, sind uns dabei aber vielleicht ein Stück näher. Nicht in die Worte des Alltags und auch nicht in die Sprache der Wissenschaft übersetzbar, nur im Staunen erfahrbar: die poetische Dimension.


Jazz und Lyrik haben sich immer wieder gegenseitig angezogen und beflügelt – von Langston Hughes zu den Dichtern der Beat Generation, von den Jazz & Poetry-Projekten eines Charles Mingus über die Literatur-Vertonungen von Steve Lacy und Irène Aebi führen weit verzweigte Linien in die Gegenwart. Der Billige Bauer hat mehrfach Texte einbezogen, Gedichte von Robert Creeley, Dylan Thomas und William Blake, auch Spontanzeilen von Omri Ziegele. Bei den "15 Herbstliedern" nun wird eigene Lyrik zum Vorwurf des Musikalischen, zum Partner der Komposition. Auf der Ebene eines imaginären Bordunklangs sind Musik und Literatur, auch Theater und Malerei auf das Engste miteinander verwandt. Die poetische Dimension ist freilich nicht an das Wort gebunden, sie kann ebenso im Klang aufscheinen, in einem Bild oder in einer Geste. So auch ist das Zitat des Pianisten Cecil Taylor zu verstehen, der einmal sagte: "Mehr noch als alles andere wünschte ich immer, ein Poet zu sein."


So viel schon hin. Keine Jahreszeit hat die Dichter dermaßen inspiriert wie der Herbst. Es gibt unzählige Anthologien, zu deren Kernrepertoire Gedichte von Rilke, Fontane, Heine, Keller, Trakl, Goethe, Hölderlin, Lenau und Stefan George zählen. Der Farbenreichtum, die Fülle vor dem Vergehen, die Pracht und das langsame Hinübergleiten, eine Ahnung von Endlichkeit, vom milden Schmerz des Abschied-Nehmens. Selbst dort wo der Herbst rein naturalistisch reflektiert wird, weist dessen Betrachtung oft über sich hinaus, begegnet uns ein romantisches Sujet. In diese Welt taucht der Billige Bauer ein – den Herbst als Metapher in eine vom Jazz angeregte und um die Erfahrungen mit der europäischen Moderne angereicherte, eigene Sprache des Ensembles transformierend. 15 Herbstlieder, die zuweilen eher an Haikus als an Kunstlieder erinnern. Und dennoch – bei aller Ferne zum romantischen Lied ergibt sich ein Bezug auf der Ebene des Suchens nach Wahrhaftigkeit, nach unverfälschter Emotion. Das romantische Gefühl ist eines der Zerrissenheit und des Verlangens, der Sehnsucht und des Schwebens zwischen dem "hier und jetzt" und dem "nicht mehr" oder "noch nicht". Dieses Gefühl haben Franz Schubert, Hugo Wolf, Arnold Schönberg und Billie Holiday gemeinsam.


In einer Tagebucheintragung von Franz Schubert aus dem Jahr 1822 heißt es: "Mit einem Herzen unendlicher Liebe für die, welche sie verschmähten, wanderte ich abermals in ferne Gegend. Lieder sang ich nun lange, lange Jahre. Wollte ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich wieder Schmerz nur singen, ward er mir zur Liebe. So zerteilte mich die Liebe und der Schmerz."


Miller's Studio, 2015, an diesem prächtigen Samstag, der noch einmal alles zeigen wollte, was der Sommer zu geben hat. Vier Tage vor Herbstbeginn. "Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß", das darf man auch heute noch mit den schönen Worten von Rilke sagen. Groß war er, dieser Sommer, groß an Sonne und groß an Geschehnissen, groß an Gefühlen und groß an Mitleid, in der Zuwendung und im Erschrecken. Dieser Flüchtlingssommer in einem fragwürdigen Frieden, vor einem ungewissen Herbst. Was sich da in Europa und zwischen den Kontinenten seither und zur Zeit ereignet und verändert, was uns da an Schicksalen nahe rückt, könnte einem die Sprache verschlagen. Wir kennen die unter anderen Vorzeichen geschriebenen Zeilen von Bertolt Brecht über "Zeiten, wo / ein Gespräch über Bäume fast einem Verbrechen gleicht, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt." Wohl wahr, aber angesichts der Untaten, auch der unterlassenen Taten, des Schreckens und des Elends sollte es nicht verwehrt sein, den Blick auf dem Herbstblatt kreisen zu lassen oder uns für Sekunden im unerhörten Klang zu verlieren. Sensibilität als Ermutigung. Es gibt nicht nur eine Ästhetik des Widerstands, sondern auch eine Widerständigkeit der Sinne.


Die Stille hinter dem Schrei. Zu dem, was uns antreibt, Zeugnis abzulegen, zählt die Absage an die Gleichgültigkeit. "Einmal den Baum umarmen, damit ein Zeichen stünde", heißt es in einem der 15 Herbstlieder. Und an anderer Stelle: "Winterwärts. Im Schnee die Spuren dessen, der nicht verging." Wir haben keine Wahl. Indem wir fortschreiten, verringert sich das, was noch bleibt, das Reservoir an Zukunft. Das gilt unabwendbar für jeden Einzelnen. Ob es auch für die Gattung gilt, weiß niemand zu beantworten. Der Vergänglichkeit trotzend, Zeichen zu setzen, gleicht dem Versuch der Sinngebung, der Selbstbehauptung – je vorbehaltloser, desto risikoreicher, desto anfechtbarer, desto befreiender. "Risiko ist das Herz des Jazz", hat Steve Lacy einmal gesagt, "jede Note, die wir spielen, ist ein Risiko." Und er zitierte in diesem Zusammenhang Thelonious Monk: "Eine Note kann so klein sein, wie eine Stecknadel oder so groß wie die Welt. Alles hängt von unserer Vorstellungskraft ab."


Im Spätjahr, in den Herbst hinein, winterwärts, der Billige Bauer sammelt weithin verstreute Blätter auf, er fährt ein Stück Ernte ein, er gibt Ahnungen von den Abschieden. Die Fragilität unserer Existenz reflektiert er mit Klängen, die sich in nachdenklichen kleinen Gebilden verspinnen. Und dem im Fortgang unausweichlichen Vergehen begegnet er mutig und trotzig mit ebenso lustvollem wie kraftvollem Musizieren. So wird erlebbar, wie Dinge, wie Töne auseinander fallen, wie sie im Diminuendo verschwinden, wie sie sich aneinander reiben, aber auch wie sie zueinander finden, wie sie sich bündeln und gegenseitig verstärken können. Elegien und Hymnen. So viel schon hin. Aber auch, wie es in einem anderen Text von Omri Ziegele heißt: "So much to come yet." So vieles, was da noch kommen mag, und dem entgegen schauend, wir wohl selbst wider besseres Wissen gut beraten sind, uns in Freude zu üben und ohne Angst zu sein. – Ich freue mich auf Omri Ziegele mit dem Billigen Bauern und der unvergleichlichen Isa Wiss. Ich danke Ihnen herzlich.

MusikerInnen
  • Omri Ziegele – Altsaxophon
  • Jürg Wickihalder – Tenorsaxophon
  • Yves Reichmuth – Gitarre
  • Gabriela Friedli – Klavier
  • Jan Schlegel – E-Bass
  • Marco Käppeli – Schlagzeug
  • Dieter Ulrich – Schlagzeug, Signalhorn
Fotos
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